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Interview mit Maja Schäfer, Projektleiterin der Onlinekampagne „SOZIALE BERUFE kann nicht jeder“ bei der Diakonie Deutschland

1.
In den Medien hört man seit Jahren immer wieder, dass es einen großen Bedarf an qualifizierten Mitarbeiter/innen in den sozialen Berufen gibt. Wo genau gibt es derzeit die meisten offenen Stellen?

Den größten Bedarf gibt es bei den Altenpflegern, Erziehern und Heilerziehungspflegern. Bei den Hebammen, Kinderkrankenpflegern und in der Sozialen Arbeit ist die Bewerbersituation derzeit noch recht gut.

Portraitfoto von Maja Schäfer der Projektleiterin der Onlinekampagne SOZIALE BERUFE kann nicht jeder

Maja Schäfer ist Projektleiterin der Onlinekapagne SOZIALE BERUFE kann nicht jeder.

2.
Aufgrund der großen Nachfrage überlegen sich viele Bewerber/innen einen Quereinstieg – nicht zuletzt wegen der demografischen Entwicklung – in den sozialen Bereich. Ist ein solcher Quereinstieg einfach? Welche Eigenschaften muss man als Bewerber/in mitbringen?

Viele Antworten für Quereinsteiger haben wir in unserem Special http://www.soziale-berufe.com/special-quereinsteiger zusammengetragen. Man kann z.B. mit einem Pflegebasiskurs einen schnellen Quereinstieg als Pflegehelfer schaffen. Aber das ist nicht das, was wir raten. Denn als Helfer darf man keine verantwortungsvollen Tätigkeiten machen und hat keine Chance, sich weiterzuentwickeln. Wer es wirklich ernst meint mit einer zweiten Karriere in den sozialen Berufen, der macht auch mit 30, 40 oder 50 nochmal eine klassische Ausbildung oder ein Studium und hat dann dieselben Chancen zum Aufstieg oder zur Weiterqualifizierung wie eine junge Fachkraft. In unseren Ausbildungsklassen sitzen immer wieder ältere Azubis.

Quereinsteiger sollten Lernbereitschaft und die Lust mitbringen, neue Herausforderungen anzugehen und sich persönlich und fachlich weiterzuentwickeln. Im sozialen Bereich werden Menschen gesucht, die einfühlsam, hilfsbereit, offen und freundlich sind. Wichtig sind auch körperliche Fitness, eine gesunde Lebensweise und Teamfähigkeit, sowie eine stabile Persönlichkeit. Man sollte gut kommunizieren können und verantwortungsbewusst mit anderen Menschen umgehen.

3.
Mit Ihrer Internetpräsenz SOZIALE BERUFE sprechen Sie junge Menschen direkt an und stellen verschiedene Tests zur Verfügung. Was beinhalten diese Tests und wer hat diese entwickelt?

Es gibt zwei Einstiegstest, einmal für den Nachwuchs und einmal für Quereinsteiger. Diese sind umfangreich und fragen die Motivation, die Lebenssituation, die Vorerfahrungen und Kompetenzen ab. Als Ergebnis kommt nicht heraus: du bist geeignet oder nicht geeignet für die sozialen Berufe, sondern es kommt heraus: Als Charaktertyp xy bringst du folgende Eigenschaften mit, die in den sozialen Berufen sehr wichtig sind, und andere Eigenschaften, bei denen du aufpassen musst. Zum Beispiel ist ein „Samaritertyp“ natürlich gut geeignet, Menschen zu helfen, aber andererseits muss er aufpassen, sich nicht aufzuopfern und einen Burnout zu riskieren, denn damit hilft er niemandem.

Dann gibt es rund 30 Berufetests, die in 11 Fragen eine Antwort liefern, ob ein konkreter Beruf zu jemandem passt. Es gibt darin Fragen zur Alltagssituation in dem Beruf, zu den gewünschten Vorerfahrungen und Persönlichkeitseigenschaften. Es kann herauskommen: die Alltagstätigkeiten dieses Berufs kannst du dir zwar gut vorstellen zu erledigen, aber bei den Vorerfahrungen fehlt dir noch was.

Alle Tests wurden mit Personalern und Ausbildungsleitern aus diakonischen Einrichtungen entwickelt und von einem Team aus Studierenden und Professoren der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld auf ihre Aussagekraft hin geprüft und weiterentwickelt. Sie liefern keine wissenschaftlich belastbaren Ergebnisse, aber zeigen sehr gut, welche Überlegungen anzustellen sind, bevor man sich für einen sozialen Beruf entscheidet.

4.
Wie sieht für Sie die optimale Bewerberin bzw. der passende Bewerber aus? Lässt sich eine Eignung bereits während eines Praktikums feststellen oder bedarf es einer längeren Eingewöhnungsphase in den entsprechenden Berufen?

Der optimale Bewerber (w/m) interessiert sich für die Arbeit mit Menschen, hat dabei aber nicht nur ein „Helfersyndrom“, sondern schätzt die Lage realistisch ein: in den sozialen Berufen hilft man Menschen, aber man kann sie nicht „retten“. Manchmal sind es nur kleine Verbesserungen, die man für sie und mit ihnen erreichen kann, und das darf einem nicht die Motivation rauben. Der Wunsch zu helfen darf nicht soweit gehen, dass man sich selbst aufopfert. Auch geht es in den sozialen Berufen bzw. gerade in diakonischen Einrichtungen zwar menschlicher zu als in anderen Branchen, aber trotzdem sind es Unternehmen, die sich finanziell tragen müssen, in Konkurrenz zu anderen stehen, etc.. Es muss wirtschaftlich gedacht werden und ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Es gibt Leuten, die selber Probleme haben und deshalb jetzt anderen helfen wollen, denen müssen wir raten, erstmal selbst ihr Leben wieder in stabile Bahnen zu lenken. Der perfekte Bewerber hat einen stabilen Freundeskreis, Hobbys völlig jenseits sozialer Tätigkeiten, mit denen er sich von schweren Schicksalen oder Erlebnissen im Arbeitsalltag distanzieren kann. Außerdem hat er Vorerfahrungen in der Pflege und Betreuung (siehe unten) und schlägt diesen Weg nicht nur ein, weil ihm ein Berufsberater gesagt hat, dass Altenpfleger dringend gesucht werden, sondern weil der Wunsch von innen kommt. Quereinsteiger sind oft gute Bewerber, weil sie im zweiten Anlauf wirklich wissen, was sie wollen.

Ein längeres freiwilliges Praktikum (mindestens sechs Wochen bis drei Monate) oder noch besser ein mindestens 6monatiger Freiwilligendienst (Freiwilliges Soziales Jahr oder Bundesfreiwilligendienst) sind notwendig um auch selbst zu spüren, ob die sozialen Berufe und besonders auch das konkrete Arbeitsfeld, für das man sich interessiert, etwas für einen sind. Oft erlebt man dabei auch Überraschungen, dass man z.B. vorher dachte, man könnte nicht mit Menschen mit Behinderung arbeiten, und im Freiwilligendienst stellt man dann fest, welch ein erfüllender Beruf das ist. Ein Freiwilligendienst ist für sehr viele unserer Fachkräfte der Start zu einer Karriere in den sozialen Berufen gewesen, bzw. umgekehrt ca. 15 Prozent unserer Freiwilligendienstleistenden schließen eine soziale Ausbildung an. Einen Bundesfreiwilligendienst kann man ohne jede Altersbeschränkung nach oben machen, sodass er auch für Quereinsteiger infrage kommt.

5.
Worauf kommt es bei der Bewerbung für einen sozialen Beruf Ihrer Meinung nach besonders an?

Wir haben Bewerbungstipps für den Nachwuchs und für Quereinsteiger in unserem Berufeportal zusammengetragen: http://www.soziale-berufe.com/special-bewerbungstipps. Vor allem gilt es in der Bewerbung zu zeigen, dass man aus der richtigen Motivation heraus in den sozialen Bereich will und die Sache realistisch einschätzen kann (siehe oben). Vorerfahrungen wie Praktika, Ehrenamt, Freiwilligendienst oder Pflege-/Betreuungserfahrung im Familien- oder Bekanntenkreis sind zwingend notwendig für eine erfolgreiche Bewerbung. Quereinsteiger sollten in der Bewerbung aufzeigen, dass sie sich konkret Gedanken gemacht haben, wie sie den Quereinstieg mit ihrem Privatleben vereinbaren können (Haben Sie trotz Kindern Ruhe zum Lernen? Reicht die Ausbildungsvergütung, um den Lebensstandard zu halten? Usw.). Junge Leute sollten beweisen, dass sie verlässlich sind, indem sie z.B. keine unentschuldigten Fehlstunden auf dem Zeugnis stehen haben

oder sich z.B. in einem Sportverein engagieren und sich an regelmäßige Trainingszeiten halten. Das ist viel wichtiger als herausragende Noten.

6.
Nicht jede Organisation und nicht jedes Unternehmen ist im Web so modern präsent wie die Diakonie. Wie kam es dazu, dass Sie einen eher innovativen Weg beschreiten?

Der drohende und bereits eintretende Fachkräfte-, Nachwuchs- und Bewerbermangel in unseren Einrichtungen führte dazu, dass Stimmen laut wurden: die Diakonie Deutschland, also der Bundesverband, muss sich hier engagieren und ganz neue Wege, vor allem online, ausprobieren. Es wurde dann ein ESF-Projekt beantragt, die Kampagne „SOZIALE BERUFE kann nicht jeder“ wurde mit EU-Mitteln an den Start gebracht. Am Ende der Förderperiode, also nach drei Jahren, war der Erfolg so groß, dass es gelang, die Kampagne mit Hilfe von Unterstützern (Fach- und Landesverbänden der Diakonie, diakonienahen Unternehmen, diakonischen Einrichtungen und Träger) weiterzufinanzieren. Sie läuft vorerst bis Ende 2015, aber an einer Perspektive für danach arbeiten wir gerade.

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